Pressemeldungen

Wenn das Handy die Haltestelle ansagt
Holsteinischer Courier vom 06.01.2007

Flensburger Ingenieure wollen Senioren und Behinderten das Busfahren erleichtern - und suchen Testpersonen für einen Modellversuch

Foto Courier 06/01/07Neumünster/bl – Neumünster, 6.Januar 2012:
Christa Morgen ist mit dem IC aus Köln angereist, um ihre alte Schulfreundin in der Böcklersiedlung zu überraschen. Vor dem Bahnhof direkt gegenüber vom Busbahnhof zieht sie ihre seniorengerechtes Handy aus der Tasche, drückt eine Taste und spricht: "Ziel: Lötzener Straße 3". Es dauert einen Moment. Dann antwortet eine Frauenstimme: "Stadtbus, Linie 4 Böcklersiedlung, Zielhaltestelle :Breslauer Straße, Abfahrt: Bussteig 7, nächster Bus: 11.03 Uhr." Die Kölnerin klappt zufrieden ihr Handy ein und steuert zielstrebig auf Bussteig 7 zu.

Zur selben Zeit verläßt Gerda Heuer ihre Wohnung in Gadeland, um zum Arzt in die Stadt zu fahren. Den Fahrplan an der Haltestelle kann die sehbehinderte Seniorin schon seit langem nicht mehr lesen, aber das macht nichts – auch sie schaltet am Busstop ihr Handy ein: "Der nächste Bus Richtung Stadt fährt in drei Minuten..." lautet hier die Botschaft. Noch ist alles Zukunftsmusik, aber die ersten Bausteine zum Aufbau eines Kommunikationssystems , das Senioren und Behinderten die Teilnahme am öffentlichen Nahverkehr entscheidend erleichtern soll, werden derzeit gesetzt- auch in Neumünster: Zehn Neumünsteraner Senioren beteiligen sich ab Montag an einem Modellversuch, der Bus fahren noch einfacher machen oll. Für einen Monat bekommen sie ein Handy gestellt, das die Daten der großen Busanzeigetafel aufs Display "herunterholt." Die Senioren können dabei verschiedene Darstellungsprofile wählen: Die Informationen können in großer Schrift, unterschiedlichen Farben, oder sogar akustisch übersetzt dargestellt werden. Die Anzeigen der Linien und Abfahrtszeiten werden den Senioren oder Sehbehinderten in diesem Fall quasi per Handy vorgelesen.

In diesem ersten Feldversuch soll vor allem die Technik und Bedienbarkeit getestet werden. Funktioniert das Prinzip, sei später eine vielfältige Anwendung, etwa in Kaufhäusern, auf Flughäfen oder Bahnhöfen denkbar, hofft der Flensburger Ingenieur und Telematikexperte Hans Protschka, der das Konzept entwickelt hat. Der wahre Nutzen des "mobilen automatischen Informationshilfesystems (mAIS) dürfte sich allerdings erste zeigen, wenn es auf eine breitere Basis gestellt und etwa mit einem kompletten Nahverkehrnetz verknüpft wird. Gekoppelt mit GPS – einem satellitengestützen Navigationssystem -, wie es derzeit bereits in Autos verwendet wird, könne mAIS durchaus zu einer Fußgängernavigation ausgebaut werden., schwebt Protschka vor.

Konkret könne Gerda Heuer sich trotz ihrer Sehschwäche auch in fremder Uimgebung zurechtfinden. Ihre Handy würde ihr jederzeit ansagen, wo sie sich befindet, wie weit es bis zur Haltestelle und wann dort der Bus abfährt. Fachleute räumen Protschkas Konzept offenbar Zukunftschancen ein. Die Stadt Flensburg hat für die Weiterentwikclung des Konzepts rund 350000 Euro Fördermittel beim Land und bei der EU eingeworben. Ähnliche Feldversuche wie in Neumünster laufen zeitgleich in Kiel und Flensburg an.

Für die zweite Testphase ab März sucht Protschka noch weitere Testpersonen. Dann geht es auch um wünschenswerte Zusatzinformationen per Handy, etwa: "Wie weit ist es bis zur nächsten Apotheke?"

Die Teilnahme ist kostenlos: Hans Protschka, Tel: 0461/3 95 46 oder www.ib-protschka@t-online.de

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